Neu? Meld dich an!
Treibgut

In den Straßen Bujumburas

22. Dezember 2009

Gerade fuhr ich die enge und belebte Straße hinter dem Zentralmarkt entlang. Es ist noch nicht ganz sieben Uhr, morgens. Händler, Busse, Motorradtaxis, Träger und Straßenkinder machen aus diesem Platz einen Hexenkessel. Vergleichbar mit einem Ameisenhügel. Reges Treiben, Schreien, Lachen und Fluchen. Ein neuer Tag beginnt. Neues Glück? Zumindest streben sie alle danach. Oder einfach nur nach Überleben.

Ich sehe junge Frauen mit ihrem Baby auf dem Rücken und einem großen Korb voller Früchte auf dem Kopf. Auf dem Weg zum Markt, wo sie ihren Tagesverdienst einzunehmen hoffen, um die Familie zu ernähren. Vielleicht zwei, drei Euro – das ist schon sehr viel. Oftmals handelt es sich aber nur um Cent-Beträge. Straßenkinder tummeln sich um die Erwachsenen. Immer auf der Lauer, wo sie etwas erbetteln oder verdienen können. Und auf der Hut, nicht eines auf den Deckel zu bekommen. Ein Polizist mit Sonnenbrille schlenkert am Straßenrand entlang. Seine Kalaschnikow baumelt am Tragband. Ein junger Mann, schick, mit Aktentasche, spurtet, um den kleinen, überfüllten Bus noch zu erwischen.

Einen Moment treibt es mir fast die Tränen in die Augen. All diese Menschen. Viele Menschen. Für sie ist der Überlebenskampf zum Alltag geworden. Unsicherheit, Ungewissheit über das, was morgen sein wird. Oder schon heute? Vielleicht nimmt die junge Frau mit ihren Früchten heute überhaupt nichts ein, weil sie wieder von Polizisten verjagt wird. Weil sie keinen offiziellen und genehmigten Stand im Markt bezahlen kann und ihre Ware an der Straße anbietet. Da fallen natürlich keine Steuern ab. Aber vielleicht hat sie auch Glück.

Glück. Glück heißt hier, abends etwas zu essen zu haben. Das muss man sich einmal klar machen. Sie arbeiten nicht weniger als anderswo. Im Gegenteil: vielleicht sogar mit doppelt so viel Anstrengung wie so manch einer in nördlichen Kreisen. Wenn sie Glück hat, hat sie also abends etwas zu essen. Und ihr Kind auch. Wie definiert unsereiner Glück? Ich bin mir sicher, in entsprechenden Umfragen setzen die Menschen in anderen Ländern auf einem ganz anderen Niveau an.

Also: Viel Glück heute! Ich meine… schönen Tag!

Und am Tag danach:

Eine Frau verkaufte gestern Obst am Straßenrand vor dem Markt – was eigentlich nicht erlaubt ist. Ein Polizist erwischte sie und forderte sie auf, den Platz zu räumen. Anscheinend war sie ihm nicht schnell genug, jedenfalls schlug er ihr mit dem Holzknüppel in den Rücken. Er setzte mit einem Tritt nach – und sie stürzte so unglücklich, dass sie starb. Sie war im fünften Monat schwanger…

Weitersagen:

Diesen Beitrag twittern!

Kommentare

23.12.09 21:22
Schöner Artikel, Kompliment, auch wenn es keine wirklich schöne Welt ist, die man sich dort vorstellt.

Dein Kommentar

Zum Schutz gegen Spam und Betrugsversuche setzen wir bei Gästen ein sogenanntes CAPTCHA ein. Gib also die beiden im Bild enthaltenen Worte oder die vorgelesenen Zahlen in das Eingabefeld ein, wenn du dich nicht registrieren oder einloggen möchtest.

Aufenthaltsort des Autors

-3.3730520805615045,29.794921875

Karte aller Benutzer anzeigen

Andere Beiträge des Autors

Beiträge im Bereich Treibgut von ZiserP jetzt als RSS-Feed abonnieren. Beiträge im Bereich Treibgut von ZiserP jetzt als RSS-Feed abonnieren.