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Tagebücher

Mr. Charming looking for shoes, Skinhead-Reggae, Maizwürmer und Katzenallergie

23. September 2007

Samstag/ Sonntag 22/23-09-07

In der Ferne merkt man, wie festgelegte Strukturen des Familienalltages, die man so oft verflucht hat, doch anscheint so fest verwurzelt sind, dass sie automatisch beibehalten werden. So begann ich den Samstag mit allgemeinen Reinemachen ;). Das heißt : Mir gelang es mit viel Geduld, gutem Zureden und polnischen Schimpfwörtern meinen Uralt-Staubsauger dazu zu bewegen, ein oder zwei Wollmäuse zu schlucken bis er sich endgültig ins jenseits verabschiedete. Des weiteren beschloss ich, nach eingehender Inspektion, meine “Waschmaschine” eher als antiken Dekorationsgegenstand zu betrachten, wusch meine Wäsche in der Wanne und verteilte sie dann, dank fehlender Wäscheleine und Klammern, auf Türen, Stühlen, Kühlschränken etc.

Am Nachmittag traf ich mich mit Mr. Charming und Dagmara, zu einem Ausflug nach Kattowice. Dieser Ausflug stellte sich als intensive Begutachtung des riesigen Shoppingcenters raus, da Mr Charming eben kurz Schuhe kaufen wollte. Nach kurzen drei Stunden ausführlicher Wanderung durch die gesamte Palette Nobelläden (Hugo Boss, Armani …), kehrten wir bepackt mit allen möglichen Sachen außer Schuhen zurück nach Bedzin. Von Kattowice hatte ich nicht besonders viel gesehen, dafür aber ganz neue Einblicke in die metrosexuelle, männliche Psyche gewonnen, die mich zwangen mein bisheriges Männershoppingmuffelklischée zu revidierten. So viel zum Thema Horizonterweiterung ;).

Abends traf ich mich mit meiner wundervoll verrückten Mentorin Ania und ihrem Freund Dominik. Wir fuhren mit den Tramps (ganz schnuckelige kleine Eisenbahnen, sehr beliebtes Verkehrmittel) in einen Nachbarort auf ein Reggaekonzert. (Hier trifft man sich meistens schon so gegen 18.00 Uhr zum Weggehen, weil viele auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind und daher so gegen elf Uhr den letzten Bus erwischen müssen. Das gefällt mir sehr, denn ich finde, so kann man den Abend viel mehr genießen ohne am nächsten Morgen total erschlagen zu sein.) Das Konzert überraschte mich in mehrfacher Hinsicht, denn die Mehrheit der Besucher, waren glatzköpfige Männer und Punks, sehr merkwürdige Mischung, wie ich fand. Als die Texte, dann lautstark das Wort Skinhead anpriesen, hielt ich es nicht mehr aus, nahm Ania beiseite und ging der Sache auf den Grund. Sie erklärte mir, dass diese Musik hier Skinhead-Reggae genannt wird und dass die Bezeichnung Skinhead nichts mit der rechten Szene zu tun hat, sondern seine Wurzeln in der großbrittanischen Bewegung 69 hat. Befremdlich war es dennoch. Etwas erschreckend fand ich auch, als wir Zeuge eines Telefongespräches wurden, indem ein ziemlich aggressiv aussehender Typ seine Freunde rief, weil er angepöbelt worden war und nun Unterstützung für ne Schlägerei brauchte. Dies wurde mir mitgeteilt, als wäre es das alltäglichste der Welt. Meine erst Reaktion war es die Polizei zu verständigen, doch Ania und Dominik meinten, einem wären die Hände gebunden, da solange noch nichts passiert ist kein Polizist sich bewegen würde. Zu einem Kampf kam es zum Glück nicht, aber offensichtlich ist, das solche Situation hier viel gängiger sind. Meine interkulturelle Toleranzschwelle erfuhr auch ganz neue Maßstäbe, als ein wildfremder Typ an uns vorbei ging, Dominik ohne ein Wort sein Bier aus der Hand nahm, einen Großen Schluck trank und weiterging, woraufhin Dominik seelenruhig zum nächsten Schluck ansetzte. Mein Entsetzen war mir wohl so offensichtlich ins Gesicht geschrieben, dass Dominik mir lachend erklärte, dass es hier ganz normal wäre, sich sozusagen einen Schluck bei Fremden zu schnorren. Hat man ein Problem damit, riskiert man entweder eine HANDFESTE Auseinandersetzung oder verschenkt sein Bier besser gleich.

Voller neuer Eindrücke, fuhren wir zu Dominik nach Hause, wo wir noch die halbe Nacht durchquatschen und uns austauschten. Während wir nach nichts schmeckende Maizwürmer en masse aßen. Meine allergische Reaktion auf seine zwei Katzen sorgte dafür, dass auch der Rest der Nacht recht schlaflos verlief. Am Sonntagmorgen frühstückten wir alle zusammen bis in den Nachmittag hinein und hatten total interessante und hitzige Diskussionen. Ich erfuhr viel über die polnische Politik und genoss es total, nach einer Woche ungewohnten Alleinelebens, in familiärer Atmosphäre zu frühstücken.

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