Mid-Term-Meeting
Am Montag früh kamen wir nach einem kurzen Spaziergang durch die Altstadt Toruns bei unserem kleinen Hotel im Stadtzentrum an. Da es nur Zweibett-Zimmer gab, mussten Franzi, Tanja und ich uns entscheiden, wer zu noch einem anderen Mädchen in das andere Zimmer zieht. Als wir die Tür öffneten war die Überraschung und Freude groß: Es war Jenne, eine Freiwillige aus Poznan, mit welcher ich mich super verstanden hatte und wir freuten uns alle riesig uns wieder zu sehen. Ich zog dann bei Jenne ein und wir hatten ne super Zeit.
Jenne und ich.
Unsere Trainer, Aga und Wojtek (ein Ehepaar), waren super und stimmten das Programm total auf unsere Wünsche ab. Besonders toll war es auch weitere Freiwillige vom On Arrival-Training wieder zu sehen. So stimmte die Mischung aus vertrauten Gesichtern, die einen sofort zu Hause fühlen ließen, und neuen interessanten Leuten.
1. Tag Der erste abends verlief mit Planung und Kennen lernen. Die Gruppe dieses Mal war nur 20 Mann groß, sodass es richtig gemütlich war und man sich schnell wohl in der Gruppe fühlte. Die Deutschen führten mal wieder, indem die Hälfte Deutsch war. Aber auch die Türkei, Georgien, Holland, Griechenland, Belgien, Österreich und Bosnien waren vertreten. Abends gingen wir alle zusammen in eine Mittelalterbar und quatschten erstmal ausgiebig.
2. Tag Der Zweite Tag begann mit einer Schnitzeljagd durch die Stadt, in der man an jeder Ecke einen Hinweis auf Kopernikus, den Entdecker aller Zeiten findet. Kopernikus Kneipen, Bäckereien, Klubs, Frisöre… einfach alles! Torun ist wirklich ein süßes kleines Städtchen, berühmt für seine Lebkuchen, direkt an der Wisla gelegen. Den Nachmittag füllten Seminare, die viele Themen ansprachen und wo wir uns gründlich austauschten. Auch wenn das manchmal ziemlich anstrengend ist. Ich lernte so viele tolle Leute kennen und die Stimmung war wie immer, wenn so viele Freiwillige auf einem Haufen sind. Bombig. Wir sind halt Gleichgesinnte. Besonders die Sachsen hatten mir es angetan, die mich regelmäßig mit ihren komischen Redewendung in Lachekstasen versetzen.
Hier eine Kostprobe :
(für alle normal Hochdeutsch sprechenden Menschen)
Ej, Ich roll dich gleich - Pass auf, gleich gibt’s einen auf den Deckel Komm ma aus der Hüfte - Den Arsch hochkriegen Ölf nach Ölf - Elf Uhr Elf Pfannkuchen - Berliner Spinnert - Spinat etc. .. ...
Abends erkundeten wir mal wieder alle zusammen das Night Life Toruns.
Kopernikus
3. Tag
Frühstück (die Nutella wird weggeputzt wie sonst was) Seminar Tee Seminar Mittagessen Pause Seminar Tee Seminar Abendessen
Fazit: Ja, wir werden hier gemästet! Die Mittagspause wird immer zum Schlafen und Ausruhen verwendet, wobei Jenne und ich prima aufeinander abgestimmt sind. Nach dem Mittagessen gibt’s immer erstmal ein Stück Schoko und dann ratzten. Quatschen....o ja ein besondere Luxus, es gibt deutsches Fernsehen und Internet. Meine liebe sächsische Nachbarin Annmarie, bekennende Fernsehsüchtige kennt jeden und alles und erklärt mir mit einer Engelsgeduld wer und was da grad übern den Bildschirm der Privatsender hupft und die Lebensgeschichte dazu. Als ich dann zugebe, noch nie was von der Wok WM gehört zu haben, erklärt sie mich allerdings zum hoffnungslosen Fall. Mama, Papa: Danke, dass wir nie Privat-Fernsehen hatten! :-)
4. Tag
So langsam kennt man sich, und die Seminare werden bunt und lustig durch jegliche Anekdoten geschmückt. Heute Abend habe ich einen Spielabend vorgeschlagen, der sich großer Beliebtheit erfreute. Wir spielten in ner Gruppe von zehn Leuten den ganzen Abend bis in die Nacht und besonders das Spiel „Mörder“ brachte allen Lachmuskelkater ein.
Bunte Seminare
5. Tag
Den letzen offiziellen Tag beendeten wir mit dem Abschiedseminar und danach gingen wir alle ins Lebkuchen-Museum, wo wir selber Lebkuchen backten und uns die Bekannten Toruner Lebkuchen reinzogen. Danach ein bisschen Shoppen und dann das letzte Mal alle zusammen in einen Pub. Dort sollte eigentlich Tanztheater stattfinden, tat es aber nicht, zu unserer Verwunderung aber dafür gab es ein kostenloses indisches Büffet. Lecker.
6. Tag
Es heißt Abschiednehmen. Ich fahre mit Landette (aus Georgien) zurück Richtung Sonsowiec. Im Zug kommen wir auf unsere Heimat zu sprechen und sie erzählt mir ihre wirklich tief ergreifende Lebensgeschichte, die ich jetzt mit allen, die das lesen, teilen möchte, da sie mich wirklich tief bewegt hat.
Unsere EVS Truppe
Landetta ist 30 Jahre alt und kommt aus einem Teil in Georgien , den man Abkahzia nennt.
Es ist offiziell ein Teil von Georgien. Jedoch herrschte dort Krieg, da die Russen das Land haben wollten. (So in etwa habe ich den geschichtlichen Hintergrund verstanden, muss aber noch mal genau recherchieren).
Sie lebte dort mit ihrem Vater (einem Architekt), ihrer Mama, ihrem Bruder und ihrer Schwester in einem Haus, das ihr Vater selbst entworfen hatte. Eines Abends sitzt sie mit ihren Eltern im Wohnzimmer und hört, wie Menschen vor ihrem Haus auf und ab gehen. Sie lauscht und sieht, dass es bewaffnete Tschetschenen sind, die sich unterhalten. „Das ist es, ich bin sicher, es ist dieses Haus. Nein, dieses ist es nicht, es ist das nächste.“
Diese Konversation geht weiter. Landetta schildert mir, sie war damals 15 Jahre alt, dass sie in diesem Moment sich so stark gewünscht hatte, die Mauern ihres Hauses sprengen zu können und wegzulaufen, dass sie heute, noch wenn sie daran denkt, dieses Gefühl in sich hat. Durch einen glücklichen Zufall machen die bis auf die Zähne bewaffneten Soldaten einen Fehler und ihr Haus bleibt erstmal verschont. Der Bürgerkrieg ist ausgebrochen. Jetzt ist klar, die Familie ist in Gefahr. Am nächsten Tag flüchten Landetta und ihre Eltern in einen anderen Teil Georgiens.
Ihre Geschwister befinden sich zu der Zeit in einer anderen Stadt und die Familie weiß über vier Monate nicht was mit ihnen geschehen ist. Landetta erzählte mir, dass viele Menschen einfach in ein Stadion gesperrt wurden, das dann angezündet wurde.
Die meisten ihrer Freunde, Nachbarn und Familie sind tot oder in der Welt zerstreut. Gewissheit haben sie nicht. Landetta geht mit ihrer Mutter in eine Halle, wo Überreste von ermordeten Menschen liegen. Als sie mir beschreibt, wie sie durch die Haufen von menschlichen Gliedern geht und dabei nur einen Gedanken im Kopf hat, nämlich „Ich muss meinen Bruder finden“, kommen mir die Tränen. Sie war erst 15 Jahre.
Ihre Familie hatte nichts mehr. Sie kamen nach Georgien und wurden als Flüchtlinge im eigenen Land betrachtet und nicht freundlich aufgenommen. Noch heute, sagt Landetta, leben sie unter Fremden in einer kleinen Stadt. Ihre Geschwister überlebten und sie arbeitet nun mit Flüchtlingskindern in Camps und Workshops. Als ich sie fragte, ob sie einen Wunsch hat, sagte sie nur, sie habe viele Wünsche. Eine solche Trauer hab ich noch nie in irgendeinem Gesicht gesehen.
Ihr hat man die Kindheit gestohlen. Sie hat keine Fotos, keine Lieblingskassette, kein Zuhause mehr. Sie erzählt, dass sie an dem Tag, an dem sie ihr ihre Heimat nahmen, erwachsen und stark werden musste. In Ihrer neuen Heimat wird sie als Fremde betrachtet und sie kommt dort nie ganz an. Ihr Vater und Ihre Mutter erkennt sie schon bald nicht wieder, denn die Sorge um Freunde und ihre beiden Geschwister, die über vier Monate verschollen bleiben, zerreißt sie. Ihr ganzes Leben zerplatzt.
Immer wieder betont sie, dass sie das alles nie verstanden hat. Als Kind hat sie ihre Tante gefragt, wie die feindlichen Flugzeuge denn grade ihr Haus finden könnten. Es sei doch so klein und Georgien und die Welt groß. Warum, diese Frage quält sie jeden Tag. Warum musste dieser Krieg sein. Warum? Sie versteht es bis heute nicht und erzählt mir, dass ihr Bruder ihr kleine Mandelbäume mitgebracht hat und sie sie ganz alleine in ihren Garten gepflanzt hat. Jedes Jahr stellt sie sich vor, wie sie ein Stück wachsen. Ihr Vater war leidenschaftlicher Büchersammler, in jedes seiner Bücher drückte er auf die 37 Seite (sein Geburtsjahr), seinen Stempel. Landetta sagt, dass ihr Vater jede Woche auf die Trödelmärkte fährt und nach seinen Büchern Ausschau hält.
Am Ende der Zugfahrt sitzen wir beide weinend im Zug. Ich weine wegen Landetta und dem so unverdienten Schicksal und weswegen sie weint, kann ich nur in Bruchteilen erahnen.
Landetta, ganz vorne.








Kommentare
Bisher gibt es noch keine Kommentare.