Eine Priese Patriotismus !
Montag 17-09-07
Heute war mein erster “Arbeitstag” in der Schule. Zum ersten Mal verließ ich um kurz nach acht Uhr meine Wohnung und suchte mir den Weg zur Schule, den ich auf Anhieb wieder fand. Das mal als Gegenbeweis dafür, dass mir ja gelegentlich nachgesagt wird, einen kleinen bis keinen Orientierungssinn zu haben. Mein polnischer Kompass funktioniert.
Auf Empfehlung hatte ich eine Dreiviertelstunde eingeplant, brauchte aber nur 20 Minuten und war somit viel zu früh da. Die ganze Schule war in Aufruhr, alle Schüler waren ganz schick, richtig in Anzug und Kostüm gekleidet, und in der Schule war überall die polnischen Flagge zu sehen. Denn heute war eine spezielle Veranstaltung zur Erinnerung an den 17. September vor 65 Jahren, als die Sowjetunion in Polen eingefallen war. Normalerweise wird dies wohl nicht besonders zelebriert, doch da die Schulleiterin eine ziemlich enthusiastische Geschichtslehrerin ist, macht sie wohl aus historischen Anniversairen immer ein riesen Event. Der Bürgermeister war anwesend, andere Schulen, ehemalige polnische Soldaten und viele Leute mehr.Das Ganze dauerte zwei Stunden, und den Gesichtsausdrücken der Schüler nach zu urteilen, war es das, ähm, das üblich langweilige Absitzen. Für mich war es ziemlich interessant, denn ich hatte einen sehr engagierten Übersetzer an meiner Seite, der mir die interessanten Sachen rausfilterte und mich den Rest der Zeit mit spannenderen Themen unterhielt.
Dominik, mein Übersetzer, den ich auf weiteres nur Mr. Charming nennen werde (ihr werdet sehen warum), wurde von einer etwas verzweifelten Polnischlehrerin kurzfristig für mich engagiert, die nicht so richtig wusste was sie mit mir anfangen sollte, weil sie kein Englisch sprach. Er stellte sich als ausgesprochen witzig und charmant heraus. Er machte mich mit praktisch jedem bekannt (Schülern, Lehren, Hausmeister, Putzfrau), wobei er sie meistens so vorstellte: “This is my favourite English teacher, she is wonderful, I love her, really great”. “My friend Roxanna, wonderful Person, absolutely crazy, she’s got big feet, I love women with big feet “, oder “My sport teacher, he liked me, because I suck at soccer, but he is the best to have political discussions with”.
Es war wirklich amüsant, und ich war absolut überrascht und fasziniert, wie locker das Klima an der Schule ist. Die Schüler spazieren auch mal so ins Lehrerzimmer, es wird wirklich sehr oft betont, dass sie angenehme Lehrer und Schüler haben. Gegenseitig werden sehr viele neckische Bemerkungen gemacht, die eine ehrliche Vertrautheit und Verbundenheit vermitteln. Etwas unglaubwürdig, denkt Ihr? Mal sehen was ich darüber denke, wenn ich besser in den Schulalltag integriert bin. Doch ich denke ein wichtiger Faktor ist, dass die Schule nur die Oberstufe umfasst (10/11/12), circa 300 Schüler. Das Schulgelände ist auch wirklich schön gelegen und alles super ausgestattet: von Computerräumen, Cafeteria bis hin zum eigenen Fitnesscenter.
Witzig war, dass niemand wusste, wer ich war und was ich dort machte. So schubste “Mr. Charming” mich in sämtliche Klassenräume, wo ich immer von vielen freundlichen Gesichtern empfangen wurde, denen ich mich mal auf English, Deutsch oder Französisch vorstellte und schon mal ein wenig die Werbetrommel für mein zukünftiges Theaterprojekt und den Youth Debate Club schwingen konnte.
Sehr schnell lernte ich ganz viele offene Leute kennen, bekam die ersten Einladungen zum polnischen Essen und die ersten Nummern wurden ausgetauscht. An Untätigkeit oder Einsamkeit werde ich, solange ich es nicht darauf anlege, bestimmt nicht sterben. Es ist glaube ich wirklich etwas besonderes, hierher als Freiwillige zu kommen, denn die Idee eines Auslandsjahres in Form eines Freiwilligendienstes ist hier kaum bekannt. Insofern finden die meisten das ziemlich aufregend und mutig und sehr interessant, was es mir sehr einfach macht, Kontakt aufzunehmen.
Nach dem ersten Schulvormittag machte ich mich alleine auf in die Innenstadt, die ziemlich in der Nähe ist. Das Wetter war himmlisch, richtig warm, sonnig und ich managte meine ersten Einkäufe alleine auf Polnisch. Wie das funktionierte? Ähm, mit meinen drei Wörtern Polnisch: „Hallo“, „Bitte“, „Danke“, „Das da“ und einem freundlichen, hilfslosen Lächeln sowie Händen und Füßen. Ich hatte immer sehr engagierte, einsprachige Verkäufer, die sich problemlos auf mein Sprachlevel hinunterließen, sodass es für beide Partien eher witzig als peinlich war. Zweimal wurde ich von polnischen Frauen angesprochen, die auf mich einredeten. Ich sagte immer wieder: „Entschuldigung, ich verstehe kein Polnisch“, worauf sie ganz eifrig nickten und ihren Redeschwall vorsetzten. Ich glaube sie wollten mir sagen, dass dieser Laden ziemlich teuer ist und mir einen billigeren weiter unten in der Stadt zeigen. Allerdings entspringt diese Interpretation meiner reinen Fantasie, da das einzige was ich sicher verstand „Tschüß“ war ;).
Das ich schon ein wenig hier in Bedzin angekommen bin, lässt sich für mich daran festhalten, dass ich zufällig schon zwei Bekannte auf der Straße traf: Martha und Konrad, mit denen ich den gestrigen Abend verbracht hatte. Toller Zufall. Jetzt sitze ich in meinem mittlerweile recht gemütlichen Zimmer, höre Musik und werde mich gleich an der nächsten Herausforderung stellen: Ich werde auf meinem bestimmt 20 Jahre alten Herd versuchen zu kochen. Liebe Erfurter, wie war das noch bei Nudeln mit Tomatensoße kann doch nicht viel schief gehen? – Well, we will see. :-)








Kommentare
Bisher gibt es noch keine Kommentare.