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Tagebücher

Die Tatra ruft, die Läuse fliehen, doch der Regen bleibt

08. April 2008

Letzte Woche haben Sandra und ich uns Läuse eingefangen. Wahrscheinlich. Wissen tun wir das nicht ganz genau, haben uns aber trotzdem vorsorglich und gleich nach dem ersten Verdacht Läuse-abtötendes und noch dazu stinkendes Haarshampoo in unser Deckhaar einmassiert. Wir waren nämlich letzte Woche mal nicht im DSS, sondern in so einer Art SOS-Krisenzentrum für Kinder gleich neben dem DSS, das aber noch dazu gehört, arbeiten. Dort werden sechs Kinder Tag und Nacht betreut, vier davon sind Geschwister und alle haben irgendeinen problematischen familiären Hintergrund (unfähige, allein erziehende Mutter oder sonstiges). Bei der Arbeit Bei der Arbeit

Es gibt eine Betreuerin und wie man sich vorstellen kann, ist diese leicht überfordert. Sie passt halt auf die Kinder auf während sie malen oder Fernsehgucken und geht auch mal auf den Spielplatz, aber viele andere Aktivitäten macht sie nicht mit ihnen, kann sie auch nicht, weil ihre Beine nicht mehr so funktionieren wie sie sollen. Und so pädagogische Spiele sind für die Kinder meiner Meinung nach auch wichtig. Es gibt dort auch ein Baby (der kleine Marek), ca. anderthalb Jahre alt, das so langsam laufen lernen muss, was die Betreuerin (hab den Namen schon wieder vergessen) aber wegen ihrer schlechten Beine nicht machen kann, genauso wenig wie sie eben Spaziergänge machen kann. Kann sie ja nix für, aber die Kinder brauchen so etwas ja. Eine zweite Betreuerin wäre da ganz hilfreich, sie war auch total erleichtert, dass wir dort gearbeitet haben. In der Mitte steht sie, die Übeltäterin: Sarah In der Mitte steht sie, die Übeltäterin: Sarah

Schließlich hab ich mit dem Kleinen dann ein bisschen Laufen geübt, aber das muss ja eigentlich regelmäßig trainiert werden. Und wir arbeiten dort ja sonst nicht. Ja, und am zweiten Tag, als wir dort waren, hatte die kleine Sarah Läuse. Blöd, dass die Viecher immer so rum springen und erst später ihre Nissen legen, denn die Kleine hatte die Biester garantiert auch schon am Vortag. Also gab’s abends erst mal ne gründliche Anti-Läuse-Behandlung und der Kindergarten ist am nächsten Tag auch ausgefallen. Tja, da kann man nix machen.

Haben letzte Woche auch endlich mal Linda besucht. Linda ist, wie wir auf dem On-Arrival-Training erfahren durften, ein Mädchen aus Deutschland, das einen Europäischen Freiwilligendienst in Bežovce macht, im kleinen Dörfchen Bežovce. Doch wo um Himmels willen war Linda bis jetzt? Wo arbeitet sie? Warum haben wir sie nie gesehen? Dieses Dorf hat verdammt noch mal nur 1000 Einwohner!

Und warum in Gottes Namen hat uns nie jemand von ihr erzählt? Denn als wir alle gefragt haben, wusste jeder sehr wohl, dass Linda aus Deutschland in Bežovce einen EFD macht und beim Pfarrer wohnt. Hätte hätte Herrentoilette, das hätte man uns ja mal wohl erzählen können.

Stattdessen kamen nur so einige seltsame Kommentare über ihren (evangelischen) Glauben und den Pfarrer, mit dem die Katholiken und die Freiwilligen hier von OPTPM wohl nicht so gut gestellt sind. Und dass sie wohl nie Alkohol trinkt und demzufolge streng gläubig ist und nicht so gut für Majas Organisation (also OPTPM), da ihre Freiwilligen alle von unterschiedlichem Glauben sind und somit tolerant, was irgendwie so klang, als wäre der Pfarrer intolerant den anderen Religionen gegenüber. Nun gut, haben sie also trotz aller Vorurteile besucht und gleich auch alle Vorurteile beseitigt. Denn sie ist ne total Nette, überhaupt nicht intolerant oder super streng gläubig, und in den Pub geht sie nun mal nicht, da dieser erstens nicht von solcher Gemütlichkeit zeugt, als dass man da ständig hin will, was soll sie da zweitens alleine und drittens muss sie am Wochenende sowieso immer arbeiten. Gibt nämlich noch einen anderen „Club“ für Jugendliche in Bežovce, und der ist nicht nur für Protestanten. Aber auch dort kommt eigentlich so gut wie keiner hin, die Jugendlichen trinken halt lieber Alkohol im gemütlichen Pub.

War auf jeden Fall auch echt interessant, was sie bis jetzt so über die Slowaken und vor allem über Bežovce und das Leben in Bežovce denkt, denn das stimmte eigentlich alles mit dem überein, was uns so bis jetzt aufgefallen ist. Und das ist beruhigend.

Denn das Problem könnte nämlich sein, dass die hier auch einfach zu viel von uns erwarten, bzw. haben wir auch ständig Angst, dass wir den Erwartungen nicht so gerecht werden. Gestartet hat diese ganze EFD-Reihe nämlich mit Steffi. Das war vor ca. fünf Jahren. Steffi hat das hier so gefallen, dass sie gleich noch länger blieb. Und sie hat ja soviel gemacht, sich mit allen verstanden, allen geholfen, stets gelächelt (auf jedem Foto blitzen ihre Zähne) und sie war, um es zusammenzufassen: ein Geschenk des Himmels. Der Obergau. Besser geht’s gar nicht.

Da haben sie halt einfach mal Glück gehabt, so eine motivierte Freiwillige, die das Leben und die Menschen hier vergöttert, gleich als Erste gehabt zu haben. Ich meine, wir sind ja auch motiviert, aber wenn dann auch noch ständig ihr Name fällt (und das tut er wirklich ständig!), dann wirkt das doch in die entgegengesetzte Richtung. Und die Slowaken sagen auch nicht direkt, was sie wollen oder von einem erwarten, sondern machen das ganz unterschwellig. Muss man dann halt selbst herausfinden. Super. Spišsky Hrad Spišsky Hrad Aber jetzt zu unserem letzten Wochenende: Wir sind mal wieder verreist. Aber diesmal mit dem Auto, mit Maja, Katka, und Janka (Freundin mit leichter Geh- und Sprachbehinderung, die den finanziellen Kram für OPTPM erledigt) und mit zu hohen Erwartungen. Sind zuerst nach Poprad gefahren, eine wirklich süße kleine Stadt, jedoch nicht besonders anders als Košice oder Michalovce, und viel zu bieten hatte Poprad auch nicht. Eigentlich gar nichts.

Es gibt in der Slowakei so gut wie nichts, was man mal drinnen besichtigen kann, falls das Wetter mal schlecht ist. Die haben nur Burgen, Berge, Wald, Nationalparks, Seen, Freilichtmuseen, ein paar nette Kirchen und na gut, ein paar andere Museen, die außerhalb der Saison um 17 Uhr schließen, total langweilige Sachen ausstellen und nichts auf Englisch oder Deutsch übersetzen. 15 Minuten in Poprad herumspazieren reicht also, um alles gesehen zu haben. Im Zentrum. Rings herum und weit gestreckt ist mal wieder alles mit Plattenbauten geschmückt, aber das ist ja nichts Neues. Man kann ja nie genug haben. Man kann ja nie genug haben. Angekommen in Šuòava, einem kleinen Dorf in der Tatra, in welchem wir im Haus von Majas Bruder ein kleines Apartment hatten, gab es noch Abendbrot und einen eher langweiligen Abend. Wir dachten, wir sitzen mit der Familie (dem Bruder und seiner Frau) gemütlich zusammen, doch dieser musste arbeiten. Und auch am nächsten Abend wurden wir wieder enttäuscht, anscheinend ist das hier nicht so üblich, mit der Familie, wenn man sich schon nicht so oft sieht, beisammen zu sitzen. Seltsam sind se, die Slowaken. Dabei stand doch im Reiseführer, dass Geselligkeit für sie die höchste Priorität ist. Blödes Ding, lügt mich sowieso ständig an.

Am Samstag war sowieso mal wieder nur Regen angesagt. Sind hoch aufn schneebedeckten Berg, einmal mitm Skilift hinauf und hinab gefahren und um dann nicht gänzlich als Eiszapfen zu erstarren, ins Restaurant, wo die anderen gewartet haben. War schon echt nett auf dem Berg, vor allem waren Sandra und ich die einzigen ohne Skier an den Füßen, aber war halt leider neblig, was die Sicht ja bekanntlich ein wenig einschränkt. Es war dann auch zu kalt, um ein bisschen um den eingeschneiten See, der ja im Sommer so schön ist, zu spazieren.

Der Tag war für weitere Aktivitäten dann leider zu regnerisch. Spaziergänge konnte man sowieso vergessen und etwas anderes zu sehen außer der Natur, die ja im Sommer so schön ist, kann man wie schon erwähnt halt nicht. Mussten aber unbedingt noch irgendwohin und so sind Sandra und ich zum ersten Mal in der Slowakei im Kino gewesen. Ein Glück sind die Slowaken zu faul zum Synchronisieren. Haben uns 27 Dresses angeguckt und hab noch nie soviel Glückseligkeit nach einem Kinobesuch empfunden, was nicht an dem Film lag, der eher auf der durchschnittlichen Unterhaltungsebene fußt, sondern einfach am Kinobesuch an sich lag. So war der Abend doch ein bisschen gerettet.

Heut ging’s auch schon wieder nach Hause, mit kurzem Stopp in Levoèa, einer echt süßen kleinen Altstadt umringt von der mittelalterlichen und noch sehr gut erhaltenen Stadtmauer. Danach durften wir uns noch die wohl schönste oder einfach nur größte Burg der Slowakei anschauen: Spišsky hrad (UNESCO-Weltkulturerbe, dit rockt). Außer sehr beeindruckenden Ruinen gab es dort aber auch nicht mehr zu sehen. Das Museum hatte leider geschlossen. Ist ja noch nicht Saison.

Wat ne Überraschung.

Die Slowaken sind dennoch echt stolz auf ihre Tatra und ihre Burgen und alten Städte. Es wurde einfach ständig wiederholt, wie schön und alt alles sei, mit großen schwärmerischen und erwartungsvollen Augen sah man uns an, was es uns natürlich nicht erleichterte, ganz ungehemmt die Dinge zu besichtigen. Ist schon schön, aber nicht so dass es mich vom Hocker gehauen hätte. Am geilsten war die Frage, ob wir denn in Deutschland auch ein Gebirge hätten.

Nee, und Burgen gibt es auch nur in der Slowakei.

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