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Tagebücher

247.-248 Tag – « Belles Plantes et Natures mortes »

16. Juni 2012

Für diesen Samstagabend war ich zur Abschiedsfeier von der Südtirolerin, sprich bilingualen Italienerin, welche ich vom EVS kenne, eingeladen. Sie muss schon im Mai gehen, da es in ihrer Einrichtung irgendwie nicht so rund läuft … genaueres zu erfahren, war ein Ziel für diesen Abend. Ein weiteres war natürlich, die anderen EVS-Freiwilligen wieder zu sehen, da ich diese seit dem Seminar Januar nicht gesehen hatte und aufgrund fehlenden Abschlussseminars auch sonst wahrscheinlich nicht so schnell wiedersehen würde. So waren noch die Dänin, mit der ich mich wirklich sehr gut verstehe, die Portugiesin und die Deutsche, welche ich schon auf dem EVS-Seminar in Kassel kennengelernt hatte, anwesend. Den Rest der Leute kannte ich einfach mal gar nicht. Liegt daran, dass die WG aus sechs Leuten besteht, welche alle ihre Freunde eingeladen hatten unter dem Motto „Belles Plantes et Natures Mortes“. Bei den Mitbewohnern handelt es sich um Studenten, genauer gesagt, Comic- bzw. Kunststudenten, da verwundert einen weder die Wohn- noch die Kostümgestaltung. Da liefen wahre Ents durch die Wohnung, man musste aufpassen nicht von Zweigen eine gewischt zu kriegen, Mädels hatten sich ordentlich grüne Gesichter verpasst. Einer der Mitbewohner, der sich für den letzteren Teil des Mottos entschieden hatte, trug ein Shirt mit einem aufgeklebten Pappteller, Plastikbecher und Besteck, allesamt in benutzten Zustand, sprich ein wandelnder Mülleimer. In einem Regal stand zum Beispiel ein Einfachglas mit einer Karotte darin, der Mülleimer erklärte der Dänin und mir enthusiastisch: „Ca c’est Elenore, vous voyez le mec avec les branches là-bas, c’est Guillaume, Elenore c’est sa copine.“ (Das ist Elenore, seht ihr den Typen mit den Zweigen da hinten, das ist Guillaume, Elonore ist seine Freundin.) Äh, ja ne is klar. Muss sich wohl um das Überbleibsel einer Schneefrau handeln. Da fragt man sich schon, ob die nur Bier konsumieren. Die WG befindet sich in einem wunderschönen Jugendstilhaus im Stadtteil Ixelles, wie geil ist es, ein buntes Glasfenster in seinem Zimmer zu haben, ganz abgesehen von den hohen Decken, Dekor und dem Hinterhof mit Balkon und Terrasse. Einfach ein richtig cooles Ambiente mit interessanten Partygästen, die schon kräftig am Feiern war, bevor ich gegen halb sieben dann eintraf, unheimlich stolz auf mich, dass ich den Weg mit Metro und Tram durch Brüssel ganz alleine ohne mich zu verirren gefunden habe. Ich wurde freudig begrüßt, war allerdings schon etwas geplättet, von dem sich mir bietenden Anblick. WTF? War schließlich meine erste Studentenparty. Hab mich aber gut integriert und gleich ein Kastanienblatt auf den Kopf gepinnt. Zu meiner Erleichterung konnte ich gleich bekannte Gesichter erspähen, großes Hallo, na! und eine Runde Küsschen, auch an die beiden Italiener, die dabei stehen, so wie ich es auf dem Land gelernt habe. Lol, hier ist aber Brüssel, während die kleine Italienerin, sich gleich los plappernd vorstellt, streckt mir der große Italiener offensiv die Hand entgegen, welche ich verwirrt schüttele. Das kenne ich hier nur von Kollegen und Freunden, die mich ärgern wollen, von wegen „Ach ja in Deutschland gibt man sich ja die Hand“ mit gespielt ernst-mürrischen Gesichtsausdruck. Die beiden sind Erasmus-Studenten, sie in Namur, er in Brüssel, um die Ecke. Wir tauschen gleich gegenseitige Klischees aus und ich erhalte ersten Italienischen Sprachen und Gesten Unterricht. Während die kleine Ohne-Punkt-und-Komma-und-Luft-zu-holen-Redende, mir von ihren Erfahrungen aus ihrem einjährigen Aufenthalt in Südfrankreich berichtet, von wegen, die Männer seien ja sooo toll da, interessiere ich mich zugegenermaßen eher für ihren gutaussehenden Begleiter. War eindeutig die richtige Entscheidung zu kommen! Er folgt mir und meiner Landesgenossin auf den Balkon, wo wir uns zugebenermaßen sehr deutschlastig unterhalten über Romantische Literatur, Kinderfernsehserien und Deutschen Pop-Rock. So bin ich in Beschlag genommen, während er wieder hinein geht, ebenfalls in Beschlag genommen von seiner Landesgenossin. Ich werde fieser Weise mit Bier und Zigaretten geködert und ich freue mich ja auch sie wieder zu sehen, während sie es sichtlich geniest auf Deutsch über Poesie zu reden. Ich habe zwei Zigaretten geraucht, ich weiß ich sollte mich schämen, wo sind meine Überzeugungen hin. Na ja irgendwie sehe ich das Leben lockerer als früher. Ich laufe ja nicht gleich Gefahr abhängig zu werden, ehrlich gesagt habe ich seitdem nicht das geringste Bedürfnis nach einer weiteren verspürt. Schließlich muss sie dann doch mal auf die Toilette und ich kann mich der Partygesellschaft drinnen wieder anschließen und finde zu meiner Erleichterung, die Italiener wie immer eifrig gestikulierend, auf der Coach in der Ecke vor. Nach zehn Minuten schläft sie ein, absichtlich oder nicht kann ich nicht sagen, weil sie unsere Aufmerksamkeit nicht ausreichend auf sich lenken konnte, da wir zu sehr voneinander fasziniert waren. Um Ein Uhr war die laute Party wegen Ruhestörung von der Polizei aufgelöst worden und ich bin nach kurzer Bedenkpause mit Ihm nach Hause gegangen…
Wir haben den ganzen Sonntag miteinander verbracht. Fritten im Park gegessen. Er, 24 Jahre alt, intelligent, Atheist, studiert Informatik, kommt aus Genua, spricht sehr gut Englisch, Französisch, Kroatisch und macht gerade aus Jux A1 in Niederländisch, d.h. er versteht auch ein bisschen Deutsch. Da er seine Handynummer auf meinem eingespeichert hat, wusste ich dann auch endlich seinen Namen, den ich während der Party nicht verstanden hatte und dann auch nicht mehr hatte erfragen wollen. Ein Erasmusstudent bekommt im Endeffekt gesehen weniger Unterstützung als ein Freiwilliger aus dem EU-Geldpott, 230€ im Monat, muss davon aber Miete und Essen selber bezahlen und Brüssel ist ein teures Pflaster. Ein Kommilitone von ihm, kommt aus Antwerpen, also Flandern und macht sein Erasmus, kein Witz!, in Brüssel. Klar, andere Sprache, Kultur, aber faktisch geht er nicht ins Ausland, sondern in seine Hauptstadt, das ist, als ob ich mein Studium in Berlin von der EU fördern lassen wollte. Das zeigt ganz eindeutig, Belgien wird als drei separate Länder betrachtet. Man kann auch einfach nur die Straßenseite wechseln, von der wallonischen zur flämischen Fakultät in Brüssel und das dann auch fördern lassen. Abstrus, echt mal! Abends habe ich dann meine Mitbewohnerin mal wieder vom Bahnhof abgeholt. So alleine im großen Haus macht echt keinen Spaß!

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