190.-191. Tag – Madame Mustache
Als meine Mitbewohnerin morgens um acht immer noch nicht Zuhause war, machte ich mir schon irgendwo ein wenig Sorgen, aber sie übernachtet bestimmt in Mons, außerdem bin ich ja nicht ihre Mutter. Ich hätte also lieber versuchen sollen meinen Schlaf nachzuholen, träumte aber nur Müll. Schließlich kam sie mittags doch Nachhause, ich lag richtig, sie hat bei ihrem Kollegen gepennt, alles klar. Nach ausführlichen Frühstück und Wellnesssession brach ich nach Brüssel zur Geburtstagsfeier der Schwäbin auf, ohne meine Mitbewohnerin. Bei ihr war nämlich am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig. Damit hat sie leider eine geile Party verpasst. Mein Geschenk war eine von meiner Kollegin aus dem Tissuatelier genähte blaue Handtasche, (meine Fähigkeiten reichen dafür leider noch nicht aus). Sie hat sich riesig darüber gefreut, aber wie oft bekommt man auch ein Unikat geschenkt. Wie üblich saßen wir vorm weggehen zusammen in der WG der Finnin und Hannoveranerin im Kinderhort, Wein trinkend, essend und Geschichten erzählend. Unüblicherweise gab es aber einen Stromausfall, da saßen wir in der Küche auf dem Fußboden und haben Gruselgeschichten erzählt. Ach ja, wie in Kindertagen. Des anderen bayrische Witze, deren Witz darin liegt, dass sie ellenlang sind und man vergebens auf die Pointe wartet. Der Witz, dass man seine Zeit aufs Zuhören verschwendet hat.
Schließlich waren wir im Club „Madame Mustache“ (Frau Schnurbart), dort war 50er-Party, also „Let’s Twist again“ und „Jailhouse Rock“. Richtig cooles Ambiente. Ich habe dann auch einen Brüsseler Musikstudenten gefunden, mit dem ich richtig die Tanzfläche gerockt habe. Die anderen haben nur staunend zugeguckt und Platz gemacht. Er hat mich gefragt, ob ich professionell tanzen würde. Wenn ich tanze, tanze ich auch richtig. Dafür geht man doch in die Disko, ich zumindest. Ich amüsiere mich immer über die Leute, die ihr Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagern und das dann Tanzen nennen. Leider musste ich dann viel zu früh gehen, mein halbes Bier stehen lassend, was er mir ausgegeben hatte, da wir den Nachtbus bekommen wollten. Die anderen waren zu müde, um bis morgens durchzumachen und dann die erste Tram zu nehmen. Okay, wir Singleladies verließen den Club alle mit Handynummern in der Tasche. Am süßesten war das Geburtstagskind, wie sie sich darüber freute. Es war nämlich irgendwie ihr erster Diskobesuch, ihr erster Flirt und erste Handynummer. Wird ja auch Zeit mit Zwanzig, nicht? Na, ich will ja nicht so tun, als würde ich das selber schon so lange machen. Wahrscheinlich war es nicht das letzte Mal, dass wir zusammen weggehen, jetzt wo sie Gefallen daran gefunden hat.
Sonntagnachmittag wieder zurück Zuhause, nachdem wir in Brüssel wie üblich erst ausgiebig zusammen gefrühstückt hatten und vor der Zugfahrt traditionell noch eine „Lait Russe“ in unserem Stammcafé getrunken hatten, war die ehemalige deutsche Freiwillige zu Besuch. Wolltest Du nicht eigentlich mal Deinen Bericht schreiben?, fragte ich mich da mein schlechtes Gewissen zwischendurch, und was ist mit Uni? Ach, ich habe weder Zeit noch Lust. Ich bin unschuldig, Geburtstag geht doch wohl vor oder nicht? Und jetzt haben wir Besuch, was soll man da machen? Die Höflichkeit gebietet mir, mich um sie zu kümmern.
Tatsächlich war dann auch noch eine Kollege von Vert-Marais, also dem Foyer von meiner Mitbewohnerin zu Besuch da, welcher ebenfalls befreundet mit der Ehemaligen ist. Ich hatte mit ihm nur einen Tag zusammen gearbeitet, kannte ihn also eigentlich nicht. Jedenfalls hat er ganz Belgier erst mal ausreichend allerlei Bier besorgt. Wir haben uns sehr gut verstanden, auch wenn er meinte, sein erster Eindruck von mir sei nicht so gut gewesen, er sei von meiner Coolness angenehm überrascht. Er hätte mich ganz falsch eingeschätzt. Aber in den ersten Wochen, war das auch noch alles zu viel für mich mit dem Französisch und überhaupt. Klar, kommt man da ein wenig verschlossen und abweisend rüber. Na, hätten wir das auch geklärt, ich bin witzig und aufgeschlossen. Er hat mir die Basics des Trommelns auf den Küchentisch klopfend beigebracht und mich eingeladen zu einer weiteren Unterrichtsstunde an seinem Schlagzeug. Tatsächlich haben wir morgens um fünf, als die anderen beiden schon längst geschlafen haben, noch auf dem Keyboard rumgedaddelt. Natürlich haben wir auch nicht zugelassen, dass er in dem Zustand noch Auto fährt, sondern ihn überzeugt hier auf dem Klickklack zu schlafen. Das ist auch so ein typische belgische Eigen- oder eher Unart nach fünf Bier noch meinen zu müssen Auto zu fahren. Wir haben ihn dann um zwei Uhr pünktlich zur Arbeit geweckt, damit er vielleicht doch noch vorher seine Tasche für die Nachtschicht von Zuhause holt. Meine Mitbewohnerin hat ihm dafür eine dampfende Kaffeetasse unter die Nase gehalten breit grinsend mit den Worten: „Elle est belle.“ (Sie ist schön.) Er hat nämlich einen langen Zopf, den sie ihm am liebsten klauen würde, ganz neidisch auf diese Haarpracht. Sie ist dermaßen Haarbesessen. :D






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