Neu? Meld dich an!
Tagebücher

185. -189. Tag – Réunion

22. April 2012

Diesen Montag bin ich so in meiner Arbeit im Foyer aufgegangen, dass ich glatt das Meeting mit dem Chef vergessen habe. Uppsi! Ist aber auch scheiße, wenn man gerade die Dusche, Anziehen, Haare föhnen und alles macht, dann mittendrin einfach zu gehen. Bleib so lange unter der Dusche stehen, ich bin in ꞌner halben Stunde so wieder da! Nein, da kümmern sich dann natürlich die Kollegen; trotzdem ich komme immer zur Arbeit und muss nach einer halben Stunde wieder weg, das lohnt echt nicht. Nach der „Wäsche“(linge) wie es hier heißt, habe ich das Abendessen vorbereitet. Mein Kollege hat mir erklärt wie man das Lieblingsgericht der Mädels „Croc à Chèvres“ macht. Simpel, aber lecker: Eine Scheibe Ziegenkäse mit Honig überstrichen auf Toast im Ofen backen. Dazu noch einen leckeren Salat. Ich bin der Salatmeister, weil da hab ich im Gegensatz zu kochen ein wenig mehr Erfahrung mit. Abends habe ich mich am Klavier ausgetobt, ich bin leicht süchtig. Es hat aber auch einen super Klang. Und den Arbeitstag ausklingen lassen bei einem Gute-Nacht-Tee, den eine Behinderte mit ihrem Freund mir zubereitet hat. Mit den beiden hänge ich abends oft noch rum, während die anderen Behinderten schon im Bett sind. Nach Step am Dienstagabend, als ich die Mädels sicher zurück geleite, bleibe ich tatsächlich auch eine Stunde in Fagneau hängen, mich mit meinem „Pot“ (Kumpel) dem Praktikanten unterhaltend. Das Foyer gibt mir wirklich das Gefühl von Zuhause.

Dienstagmorgen war ich beim Chor, es war sooo langweilig. Diese ganzen Kirchenlieder ähneln einander schon stark. Der leicht senile Chorleiter fragte mich dann nach der Probe, ob ich bei der Messe dann wieder ein Solo singen könne, mir ein Lied zeigend, ob ich das denn kenne. Ich: „Klar, das hast Du mir vor einem halben Jahr schon gezeigt mit der gleichen Frage, wir haben es auch schon zusammen geprobt.“ Aber er ist immer voller Enthusiasmus: „Ahh, la musique.“ Ich werd‘ das schon schön singen für ihn „Es sah‘ ein Knab‘ ein Röslein stehen, ein Röslein auf der Heidn,…“
Dafür musste ich dann natürlich an meinem freien Nachmittag wieder zusätzlich arbeiten, aber da ich mich entspannt der Ledergravur gewidmet habe, war das auch nicht weiter schlimm. Ich haue mir meine Woche richtig voll mit Arbeit und das macht mich glücklich. Ein Problem hatte ich diese Woche allerdings: Letzten Montag war die Deadline für den Zwischenbericht an meine deutsche Entsendeorganisation gewesen und ich habe noch keine einzige Zeile geschrieben. Erst wegen krisenbedingter Schreibblockade und dann weil ich einfach zu viel mit anderen Dingen beschäftigt war. Irgendwo, dachte ich mir auch, versuch‘s mal ein wenig lockerer und mit der „laisse-aller“ belgischen Lebensweise. Ist doch nur ein Bericht, scheiß drauf, ist nicht so wichtig. Leider, funktioniert das bei mir überhaupt nicht. Mich fing an das schlechte Gewissen zu plagen, einhergehend mit Schlafstörungen. Ich glaube, ich war zu lange in der Schule eine gute Schülerin. Doofes Pflichtbewusstsein und der Anspruch alle Aufgaben möglichst gut zu erledigen. Na ja, Donnerstagabend war ich zum Stressabbau dann lieber Schwimmen anstatt mich an den Schreibtisch zu setzen. Ich habe mir einen Schwimmpass für Zehn Mal geholt, da ich nun jede Woche gehe, dann brauche ich nicht immer Kleingeld suchen, sondern muss mir nur eine Unterschrift holen und ist auf die Dauer auch günstiger. Zusammen mit meiner Mitbewohnerin. Es läuft richtig gut mit uns.

Am Freitagmorgen habe zum ersten Mal an der Réunion, also der Mitarbeiterbesprechung von meinem Foyer Fagneau teilgenommen. Es war anstrengend, aber interessant. Bei Kaffee und Schokolade, haben wir von zwei Behinderten Psychoanalysen aktualisiert, das geschieht alle zwei Jahre. Sprich, ihre Entwicklung, der familiäre Hintergrund, Arbeitsverhalten, alles wird genau geschildert und diskutiert. Dazu gibt es Bewertungsbögen von den Kollegen vom Atelier, von Psychotherapeuten, Ärzten und dem Foyerpersonal selber natürlich. Alle Informationen zusammen ergeben ein Bild wie man diejenige Person noch besser fördern kann, welche Entwicklung negativ oder positiv ist. Generell dient die Besprechung natürlich neben dem Foyertagebuch dem Informationsaustausch, damit alle Kollegen Bescheid wissen, wenn einer bestraft wurde und nicht die Entscheidung eines Kollegen und damit seine Autorität aus Versehen untergraben. Aufgaben werden verteilt, wie wer die Koffer für Paris packt, neue Anziehsachen kauft, mit ihnen zum Friseur geht und andere alltägliche Dinge. Der Dienstplan wird besprochen, unter Umständen eine Schicht getauscht. Aktivitäten besprochen, Ausflüge, Ideen diskutiert. Zwischendurch war einer von der Medistation dar, da eine Behinderte Zahnschmerzen hat und neue Medikamente braucht. Organisation ist wirklich wichtig. Neben aller Ernsthaftigkeit werden zwischendurch natürlich immer Witze gerissen und vor allem in den Raucherpausen, Informationsaustausch übers Privatleben betrieben oder lustige Episoden aus dem Foyer erzählt. Bei dieser Réunion habe ich zwar nichts gesagt, aber die Praktikanten von Fagneau und dem Service Sozial auch nicht. Danach habe ich Mittag mit meiner laut lachenden Kollegin (Gabi Köster) gegessen und dann hat der Chef sich zu uns gesetzt. Das war vielleicht bizarr, denn normalerweise esse ich mit den Behinderten und nicht im abgetrennten Bereich für das Verwaltungspersonal. Aber ich war außerhalb meiner offiziellen Arbeitszeit dar, durfte da also unbescholten sitzen. Ich habe dann noch bis neun Uhr abends im Foyer gearbeitet, also ein laaanger Arbeitstag. Am besten ist immer die Tour zum Dorfladen „Chez Sébastien“, wo sich alle total überteuerte Schokolade, Cola oder Käse kaufen und es dann glücklich zum Vier-Uhr-Kaffee verzehren. Da ich immer nur mit drei zeitgleich gehen darf, manche muss man nämlich an die Hand nehmen (und davon habe ich nur zwei), sonst laufen die noch auf die Straße, gehe oft zwei oder drei Mal. Den Ladenbesitzer immer schön grüßend und einen schönen Tag wünschend. Aber mal ehrlich, die Preise sind echt unverschämt, schließlich lebt er davon, dass wir mit allen Foyers regelmäßig vorbei kommen. Abends falle ich nach dieser Woche nur noch meteoritenmäßig ins Bett. Meine Mitbewohnerin haut einfach ab, ohne genaue Infos, aber okay, habe ich ja auch schon gemacht, jetzt ist sie mal dran. Da rufe ich ihr nur „Have Fun!“ hinterher, „Good night!“.

Kommentare

Bisher gibt es noch keine Kommentare.

Dein Kommentar

Zum Schutz gegen Spam und Betrugsversuche setzen wir bei Gästen ein sogenanntes CAPTCHA ein. Gib also die beiden im Bild enthaltenen Worte oder die vorgelesenen Zahlen in das Eingabefeld ein, wenn du dich nicht registrieren oder einloggen möchtest.

Aufenthaltsort des Autors

50.56174557694037,3.6795079708099365

Karte aller Benutzer anzeigen

Andere Beiträge des Autors

Beiträge im Bereich Tagebücher von Gea jetzt als RSS-Feed abonnieren. Beiträge im Bereich Tagebücher von Gea jetzt als RSS-Feed abonnieren.