Neu? Meld dich an!
Tagebücher

171.-175. Tag – Donutfrage

21. April 2012

Die Woche beginnt wie immer mit der montäglichen Réunion mit dem Chef, wobei dieser meint: „Je suis heureux de te voir tellement détente.“ (Ich bin glücklich Dich so entspannt zu erleben.) Tatsächlich habe ich auch allen Grund zu strahlen, denn ein Großteil meiner Ängste und Sorgen hat sich in Luft aufgelöst, so dass ich wieder ruhig schlafen kann. Die Wechsel sind vollzogen, ich muss mich nicht mehr mit dem Chef streiten. In Fagneau bin ich die Frisurenmeisterin sowie diejenige, die hinter gründlichen Zähneputzen hinterher ist wie kein anderer Kollege. Mal gucken ob ich das den Behinderten in den nächsten vier Monaten richtig beibringen kann. Manches Gebiss mutet wirklich schaurig an, außerdem werde ich gerne mit frischem Atmen angesprochen, nicht mit Mundgeruch. Bah! Da zahlt sich doch mein zweiwöchiges Praktikum beim Zahnarzt nochmal richtig aus.

Von Dienstag bis Donnerstag ist meine Mitbewohnerin mit den Kollegen des Atelier Hydro und zirka dreißig Residenten auf Praktikum. Das interessante ist, sie selber geht nicht ins Wasser, dabei dreht’s sich beim Praktikum doch ums schwimmen. Na ja, kann nicht jeder so eine Wasserratte wie ich sein. Jedenfalls war ich also zwei Nächte allein. Schon seltsam ohne Absprache ins Bad gehen zu können wann man will. Tagsüber bei der Arbeit macht ihre Abwesenheit natürlich keinen Unterschied nur abends halt. An meinem arbeitsfreien Nachmittag backe ich Donuts für den Geburtstag einer Residentin meines alten Foyers, welche für mich eher eine Freundin ist. Dreißig Stück für jeden einen. Schön mit Zuckerglasur und rosa Schrift. Abends gehe ich mit dem Praktikanten essen. Bei den hohen Pizzapreisen hier ist es schon schön, wenn man eingeladen wird. Am Freitagabend nach der Parisretour treffen wir uns wieder.
Donnerstag bin ich dann nach der Arbeit mit einer großen Schachtel voller Donuts in Hameau. Zurzeit arbeitet dort eine Praktikantin, die eine leicht tyrannisch-despotische Ader hat. Wenn sie da ist, sind die Bewohner angespannt, manche gereizt, manche fangen an zu weinen. Als das Geburtstagskind aus Gedankenlosigkeit auch der Diabetikerin einen Donut hinlegt, wird sie von der Praktikantin richtig zusammengefaltet, während sie das Gebäckstück der Diabetikerin unter den Augen wegschnappt. Diese fängt an zu weinen, da die Praktikantin auch sie richtig anmacht. Von Einfühlungsvermögen keine Spur. Sie schreibt den Bewohnern alles vor, erteilt die ganze Anweisung, gönnt ihnen fast keine Pause. Es handelt sich um ein Foyer mit zum Teil sehr unabhängigen Behinderten, mit denen man nicht so umspringen sollte. Diese geben mir gegenüber auch zu, die Praktikantin nicht zu mögen und sich bei den Behinderten, die eigentlich jeden mögen, derart unbeliebt zu machen, ist echt schon ein Kunststück. Als wir nach dem Abendessen Memory spielen, legt sie darauf an selber zu gewinnen und weist die Behinderten unsanft zurecht, wenn diese sich mal wieder in der Reihenfolge vertun, während ich nur zum Spaß spiele und mich mit den Mädchen unterhalte. Aber es ist beruhigend für mich zu wissen, dass ich nicht so bin. Ganz und gar nicht.

Kommentare

Bisher gibt es noch keine Kommentare.

Dein Kommentar

Zum Schutz gegen Spam und Betrugsversuche setzen wir bei Gästen ein sogenanntes CAPTCHA ein. Gib also die beiden im Bild enthaltenen Worte oder die vorgelesenen Zahlen in das Eingabefeld ein, wenn du dich nicht registrieren oder einloggen möchtest.

Aufenthaltsort des Autors

50.56174557694037,3.6795079708099365

Karte aller Benutzer anzeigen

Andere Beiträge des Autors

Beiträge im Bereich Tagebücher von Gea jetzt als RSS-Feed abonnieren. Beiträge im Bereich Tagebücher von Gea jetzt als RSS-Feed abonnieren.