Aktion

Die etwas anderen Südländer

23. April 2010

Ein Brasilianer meinte neulich zu mir, er könne es sich nicht vorstellen, weiterhin in Portugal zu leben, lieber würde er zurückkehren oder nach Spanien gehen, denn Portugal sei ihm "zu traurig und ernst". Sind die Spanier ein soviel fröhlicheres Volk? Sind die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Brasilien und Portugal nicht größer, als zwischen Spanien und Brasilien? Wie kommt er zu der Aussage, Portugal wäre ein trauriges Land?

- Ein Erklärungsversuch aus der Sicht einer Deutschen -

Mit Vergnügen scheren wir, das heißt die Nord- und Mitteleuropäer, die Südeuropäer gerne über einen Kamm. Sind sie nicht alle heißblütig, charmant und ein wenig faul? Die jungen Burschen donnern mit ihren Vespas durch enge Gassen, die alte Generation sitzt vor dem Haus und spielt Karten, Klatsch und Tratsch wird lautstark auf der Straße ausgetauscht und zur Mittagszeit schließen alle Läden. So oder ähnlich stellen wir uns das Leben im Süden vor, weit entfernt von der Hektik und Ernsthaftigkeit des grauen deutschen Alltages, eine grundsätzliche gegensätzliche Vorstellung im Vergleich zu der Ansicht meines brasilianischen Bekannten.

Die ersten Erfahrungen, die ein Reisender in Portugal machen dürfte, entsprechen nicht ganz unserem südeuropäischen Klischeebild. Jegliche Auskünfte, sei es die Nachfrage nach dem nächsten Supermarkt oder Restaurante, werden dem Touristen höflich in einen guten Englisch beantwortet, auch von der älteren Generation. Wohlerzogen stehen die Portugiesen gerne Schlange, vor allem beim Einsteigen in den Bus. Auf der Straße geht es recht leise zu, viel eher hört man das Klicken des Fotoapparates eines japanischen Touristen oder amerikanische Reisende lautstark die Karte Lissabons studierend, als ein lautstarkes Gespräch zwischen Portugiesen.

Cristina, eine Spanierin, klagte sie vermisse die Lautstärke und Musik in den Straßen. Wo seien alle die Portugiesen um bis in den Morgen in den Gassen zu tanzen? Und überhaupt, wieso in aller Welt schließt die Disko bereits um acht Uhr in der Früh? Wenigstens bis um zehn müsste sie geöffnet haben! Die Portugiesen unterdessen haben sich gemütlich in einer der vielen kleinen Bars zusammengefunden um schweigsam den Gesängen eines Fadokünstlers zu lauschen. Fadogesang ist für Portugiesen fast wie eine Kirchenmesse. Stille, absolute Stille, Einkehr und Aufmerksamkeit kennzeichnen die Besucher und Umstände in einer Fadobar. Als ich es einmal wagte, einer Freundin eine SMS während eines Fadokonzertes zu zeigen, und sie darauf zu kichern begann, wurden wir mit bösen Blicken und einem "Shut up!" von den anwesenden Portugiesen bedacht.

Aus portugiesischer Sicht ist der Unterschied zu Spanien verschwinden gering. Die Portugiesen bezeichnen sich gerne als eine "Iberische Einheit" mit Spanien, lediglich in Sprachangelegenheiten wäre man verschieden. Gerne beklagt man sich um das mangelnde Bemühen der Spanier die portugiesische Sprache zu verstehen, man selbst hätte schließlich keine Probleme Spanisch zu verstehen. Bei meiner Nachfrage an einen Spanier, ob zwischen den beiden Nachbarländern gravierende Unterschiede bestehen würden, empörte er sich ein wenig, denn man dürfe unter keinen Umständen beide Länder in einen Topf werfen. Nun ja, man sei Nachbar, aber die Einstellung zum Leben sei grundverschieden.

Es gibt viele brasilianische Einwanderer in Portugal, sie sind eine der größten Immigrantengruppen im Land. Jedoch erfreuen sie sich außerhalb des Fußballs nicht der größten Beliebtheit. Kolonien wurden gegründet, spalten sich vom Mutterland, 'emanzipieren' sich, werden 'erwachsen', nicht ohne den immer währenden Rückblick auf ihre Herkunft und dem Gefühl nichts schuldig zu sein, ganz im Gegenteil. Es bleibt verletzter Stolz auf beiden Seiten.

Meiner Meinung nach sind die Portugiesen wie ein exotischer Cocktail aus nordischer Kühle und Verschlossenheit gewürzt mit Gelassenheit und dem Lebenstrick "Es wird schon klappen - irgendwie!". Traurig und ernst sind sie nicht, nur eben anders.

In einem sind sich die Portugiesen, Spanier und Brasilianer jedoch einig. Man kommt konsequent zu spät!

Kommentare

roberto
27.10.10 16:50
türken spanier italiener portugiesen griechen kroaten sind alles südländer und so weiter
Oma I.
25.04.10 20:58
Hallo,meine liebe Große,dein Bericht - super,interessant, sehr engagiert und einfühlsam.Weiter so!Ich bin stolz auf dich und freue mich sehr.
Wir hatten heute portugiesisches Wetter,habe es mit Helmut, Rainer und Marlene im Garten genossen.Alles Liebe für dich, deine Oma I.
Swantje
24.04.10 11:39
Schon mal an'ne Karriere als Auslandskorrespondentin 'ner Zeitung gedacht? ;)
Ingrid
24.04.10 11:29
Interessant wie Du über die portugiesiche Lebensart schreibst. Ich überlege gerade, wie ich damals (vor 12 Jahren) Portugal erlebt habe. Ich denke, dass man selbst als Individualtourist erstmal das Klischee wahrnimmt.
Es ist eben doch anders, wenn man tiefer in das Land eintauchten kann. Dass Du das jetzt kannst, freut mich nach wie vor ungemein.
Bin neugierig auf weitere Reflexionen aus Portugal :)

Dein Kommentar

Zum Schutz gegen Spam und Betrugsversuche setzen wir bei Gästen ein sogenanntes CAPTCHA ein. Gib also die beiden im Bild enthaltenen Worte oder die vorgelesenen Zahlen in das Eingabefeld ein, wenn du dich nicht registrieren oder einloggen möchtest.

Aufenthaltsort des Autors

38.71551876930462,-9.2669677734375

Karte aller Benutzer anzeigen

Andere Beiträge des Autors

08.07.2010

Lissabon im Sommer

18.03.2010

Neue Neuigkeiten

21.02.2010

Karneval im Regen

Beiträge im Bereich Aktion von nuvens jetzt als RSS-Feed abonnieren. Beiträge im Bereich Aktion von nuvens jetzt als RSS-Feed abonnieren.